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An die Männer mit Entscheidungsmacht an der LMU München: Gleichstellung jetzt, denn es wird 2016!

2008 schrieb der Präsident der LMU München, Prof. Dr. Bernd Huber, in einem Editorial der LMU-Zeitung: “Das Ziel lautet Gleichstellung“. Nach eineinhalb Jahren hier an der Uni und nach etwa einem Jahr als eine der stellvertretenden Frauenbeauftragten meiner Fakultät kann ich nach allem was ich sehe und höre nur sagen: das Ziel ist verfehlt! Ändern müssen das die Männer der LMU, denn sie sitzen am Hebel aller wichtigen Machtpositionen. Daher hier mein offener Brief an alle, die sich angesprochen fühlen wollen, und mein Wunschzettel für 2016.

Liebe männliche Professoren, männliche Wissenschaftler, liebe Männer in Entscheidungspositionen der LMU,

auf die Frage, warum er ein “gender balanced cabinet” präsentieren würde, sagte der neue kanadische Premierminister Trudeau unlängst: “Because it is 2015!” Ich warte noch auf das Jahr, an dem so ein Satz regelmäßig an meiner Universität, und an vielen anderen Universitäten, gesagt wird.

Meine Universität, die Ludwig-Maximilians-Universität München, an der ich seit Mitte 2014 als Post-Doc arbeite, nennt sich eine der renommiertesten in Deutschland. Sie ist Exzellenz-Universität und sie will es bleiben. “Exzellenz” verspricht Strahlkraft, Modernität, Zukunftsfähigkeit. Aber was Gleichstellung angeht, ist die LMU noch lange nicht im 21. Jahrhundert angekommen, ist sie nicht modern und nicht zukunftsfähig, sondern wirkt provinziell und rückständig.

Schuld daran sind Sie, die Männer, die an dieser Universität Entscheidungen treffen, bei Berufungen, bei der Mittelvergabe, bei strukturellen Entscheidungen, bei der Weichenstellung für die Zukunft. Und schieben Sie jetzt nicht die Verantwortung auf die Gesellschaft, das Universitätssystem, ihre Kollegen und Kolleginnen oder behaupten Sie, dass alles halt seine Zeit braucht.

Die Zahlen sprechen gegen Sie.

In meinem Institut kommen auf sieben männliche Professoren eine Professorin  (12,5%). In meiner Fakultät gibt es, wenn ich richtig zähle, 6 Frauen und 17 Männer mit einer Professur (26,1%). Und an der gesamten Uni waren es zum Stand Dezember 2014 bei 746 Professuren nur 150 Professorinnen (20,1%). Der Präsident der LMU ist ein Mann und auf vier männliche Vizepräsidenten kommt eine Vizepräsidentin. 4 von 15 Senatsmitgliedern sind weiblich (26,7%), und da ist die Universitätsfrauenbeauftragte qua Amt schon eingeschlossen. Nur 5 von 20 Mitgliedern im Hochschulrat (20%) sind Frauen. Die Vorsitzenden von Senat und Hochschulrat sind Männer, und 16 von 18 Dekanen (11,1%).

Das bedeutet: Fast alle wichtigen Entscheidungspositionen der Uni sind mit Männern besetzt, also ist fehlende Gleichstellung Resultat ihrer Entscheidungen.

Nicht nur in den wichtigen Hochschulgremien entscheiden Männer in der Mehrheit. Bei einer Frauenquote um 20% bei den Professuren sitzen Männer logischerweise auch in den Berufungskommissionen in der Regel als Mehrheit. In der Mehrzahl männliche Professoren treffen, individuell und gemeinsam, Entscheidungen, welche Menschen Doktorandinnen und Doktoranden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, zukünftige Professorinnen und Professoren werden. Sie entscheiden, welche Forschung vorangetrieben und welche verlangsamt wird, welche Fragen gestellt werden und welche ignoriert werden. Was Exzellent sein soll, und was nur Mittelmaß.

Sie entscheiden, wenn karriererelevantes Netzwerken für 2-3 Bier in die Abendstunden und in die Fußballkneipe verlegt wird, statt beim Mittagessen an der Uni. Sie sind es, die behaupten, dass es keine weibliche Expertin für die Keynote-Präsentation ihrer Konferenz gibt, ohne sich ernsthaft umgeschaut oder eine Kollegin angesprochen zu haben. Sie lassen den renommierten aber langweiligen männlichen Kollegen die Rede über Forschungsergebnisse halten, die für ihn von seiner redegewandten und innovativen Mitarbeiterin in langen Nachtschichten erarbeitet wurden, statt die Mitarbeiterin selbst.

Sie verweisen darauf, dass sich keine qualifizierte Frau auf Ihre Stellenausschreibungen beworben hat, obwohl Sie weder aktiv Werbung für die Stelle gemacht noch Kolleginnen ermuntert haben, die Sie oder andere Kollegen für geeignet halten, obwohl Sie das bei Ihrem männlichen Lieblingsmitarbeiter jederzeit tun würden. Und Sie beschweren sich, wenn Mitarbeiterinnen gehen, von denen Sie glauben, ihnen die besten Chancen ihres Lebens gegeben zu haben, obwohl Sie mit den Entscheidungen, die Sie individuell als Chef oder kollektiv mit den männlichen Mehrheiten in den Gremien getroffen haben, offensichtlich gescheitert sind, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  angemessen behandelt fühlen.

Wenn sich also bei der Gleichstellung an der LMU nicht viel ändert, insbesondere bei den Post-Docs und Professuren und bei den Positionen mit Geld, mit Prestige, mit Einfluss, dann liegt das also vor allem an Entscheidungen von Ihnen, den Männern mit Entscheidungsmacht, individuell und kollektiv.

Verweisen Sie jetzt auch nicht darauf, dass die LMU ja auch was zu Diversity macht, und loben Sie sich nicht dafür, dass die Frauenquote von 14% bei den Professuren in 2008 auf 20% in 2014 gestiegen ist.

Sechs Jahre sind eine ganze Generation Post-Docs. Von dieser 2008er-Post-Doc-Generation haben Sie durch Ihre Entscheidungen bei ~750 Professuren und einer Verbesserung um 6%-Punkte nur ein paar duzend Frauen die Chance als Professorin gegeben. Sie haben so zwei Generationen von Doktorandinnen nur ein paar wenige neue Chefinnen und weibliche Vorbilder an die LMU geholt. Und sie haben drei Generation von Master-Studentinnen die Uni als Arbeitgeberin präsentiert, in der sie weniger Chancen als ihre männlichen Mitstudenten haben werden, weshalb sie sich möglicherweise gegen die Wissenschaft entschieden haben.

Aber sicher, jeder von Ihnen, liebe männliche Kollegen, kann warten, bis die Gesellschaft den Druck erhöht und Quoten eingeführt werden. Sie können warten, bis die DFG nur noch Geld gibt, wenn Gleichstellung tatsächlich erreicht wird. Oder Sie warten, bis Ihnen immer mehr der besten Wissenschaftlerinnen den Mittelfinger zeigen und gehen, weil ihre Ideen und Fähigkeiten in anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Institutionen mit mehr Wertschätzung und Geld, mit neuen Herausforderungen und geschlechtergerechter Familienfreundlichkeit aufgenommen werden.

Sie, die Männer in den Positionen mit Entscheidungsmacht an der LMU, können auch Gleichstellung und Diversity weiterhin der einzigen Vizepräsidentin, den wenigen Professorinnen, den überarbeiteten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen oder den Doktorandinnen auf halben Stellen, die Ihnen in Gremien als Frauenbeauftragte oder als Vertreterinnen ihrer Statusgruppen gegenübersitzen, überlassen.

Sie können sich brüsten, wenn sie eine Frau auf eine Juniorprofessur ohne Mittelzuweisung berufen, aber dann die W3-Professur an ihren männlichen Buddy verkungeln. Sie können bei der Universitätsfrauenbeauftragen anrufen und fragen, ob sie Reisemittel für weiblichen Nachwuchs hat, aber Ihre eigenen ERC-Grant-Mittel für teure Konferenzhotels statt für eine 2-Sterne-’Absteige’ auszugeben, in der Sie und Ihre Post-Doc für das gleich Geld wohnen können.

Oder Sie ändern etwas. Sie treffen Entscheidungen, die anders sind als die vom letzten Jahr und die vom Jahr davor. Entscheidungen die wirklich Veränderung zeigen.

Nur ein Mini-Beispiel aus den letzten Tagen: Der Chaos Computer Club hat zu seinem von weißen, männlichen Hackern dominierten Kongress, häufig mit Keynotes eben aus diesem Kreise, dieses Jahr die somalische Newcomerin Fatuma Musa Afrah als Keynote-Speakerin geladen. Sie begann ihre Rede damit zu erzählen, wie einer der Konferenz-Organisatoren sie überredet hat, daran zu glauben, dass sie die Richtige für die Keynote wäre, obwohl sie überhaupt keine Hackerin, und als ‘Neuankömmling’ (nicht: ‘Flüchtling’) doch nichts zum Digital-Thema “Gated Communities” zu sagen hätte. Hatte sie aber, und zwar in einer tollen Rede, die nicht das Gleiche war, was man beim CCC sowieso immer hören würde, outside the box, kritisch und positiv, intelligent und menschlich, selbstbewusst und zweifelnd. Man kann nur hoffen, dass sie Inspiration für die Hacker im Raum war, sich zu fragen, wie sie mit ihren Fähigkeiten etwas dazu beitragen können, dass Neuankömmlinge in dieser Gesellschaft ein gutes Leben und bessere Chancen haben.

Wissenschaftliche und gesellschaftliche Innovation kommt immer dann, wenn Menschen anfangen, ‘Outside the Box’ zu denken, häufig auch, weil sie selbst von außerhalb der Box kommen. Wenn die Universität aber durch die immer gleichen Entscheidungen daran scheitert, Gleichstellung und Vielfalt auf allen Ebenen herzustellen, fehlen uns nicht nur die Kolleg*innen die gehen, weil die Uni unattraktiv ist, oder die niemals kommen. Es fehlen auch ihre Ideen und ihre Innovationen, ihr anderer Blick auf die Welt, ihr Denken außerhalb der eingefahrenen Wege, das unsere von Männern in vielen Bereichen dominierte Wissenschaftswelt erneuert und den Fortschritt an der Uni, und außerhalb, voranbringt.

Ohne Gleichstellung ist damit die Uni auch für uns Männer ein schlechterer Arbeitsplatz, an dem wir auch unsere eigenen Potenziale nicht erreichen können, weil uns die besten neuen Entwicklungen, an denen wir mitarbeiten könnten, und spannende neue Gedanken, die wir so nie haben werden, durch die Lappen gehen. Wenn wir in einer Umgebung arbeiten müssen, in der wir das Gefühl haben, nicht deshalb voranzukommen, weil wir selbst das Beste leisten, sondern weil wir von anderen Männern mit Entscheidungsmacht und dem nach ihrem Bilde gestalteten Wissenschaftssystem regelmäßig bevorteilt werden, wird auch unsere Arbeit abgewertet.

Wenn Kinderbetreuung, Teilzeitmodelle oder Kernarbeitszeiten von den Männern mit Entscheidungsmacht als Frauenthemen abgetan oder ignoriert werden, leiden auch die Männer, die Familien- und Arbeitsleben besser miteinander vereinen wollen, die gleichberechtigte Beziehungen führen wollen, die sich ihre Kreativität auch mal außerhalb einer Nachtschicht im Labor oder einem Samstag am Schreibtisch holen wollen.

Das heißt, selbst wenn Sie, liebe männliche Kollegen, Gleichstellung nicht schon aus Prinzip, als grundgesetzlich garantiertes Menschenrecht, umsetzen wollen, weil Ihnen das zu abstrakt oder zu progressiv erscheint, dann tun Sie es für die Wissenschaft. Tun Sie es meinetwegen für sich selbst oder die Generation ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im 21. Jahrhundert leben wollen.

Anstatt die Verantwortung auf andere oder das System abzuladen, nehmen Sie Ihre Machtposition an und sagen Sie in 2016, wie die Kanzlerin in 2015: “Wir schaffen das!”, und sagen Sie im neuen Jahr, wie der kanadische Premier in 2015, wenn Sie Gleichstellung und Diversität aktiv fördern und gefragt werden, warum sie das tun: “Weil es 2016 ist!”. 

Herzliche Grüße und einen guten Rutsch!

Dr. Ronny Patz

PS: Wenn Sie das alles schon tun, dann freut mich das! Und wenn Sie es tun wollen, und Hilfe brauchen, fragen Sie danach, gerne auch bei einer der vielen Frauenbeauftragten der LMU, auf Uni-Ebene oder in den Fakultäten. Aber die wichtigen Entscheidungen treffen immer noch Sie, zumindest bis Gleichstellung herrscht!

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