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Der Himmel über Europa

Ich hab in den letzten Tagen häufiger über Europa reden dürfen, reden müssen. Wenn man das tut, merkt man, dass das mitnichten einfach ist, dass man manchmal viel lieber nichts sagen würde, weil man, obwohl man das Richtige sagen möchte, doch nur das Falsche sagt.

Vielleicht ist es besser, wenn man andere sprechen lässt, und sich einfach nur einklinkt. Dazu eigenen sich zum Beispiel der Text “Lissabon, Berlin und die Zerbrechlichkeit des europäischen Sommers” von Hans Ulrich Gumbrecht und die kurze aber prägnante Diskussion über Europa und die Krise im aktuellen Alternativlos-Podcast (Folge 24 als mp3, ab Minute 59) mit Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Verlags.

Die Verbindung von Blogpost und Podcast ist vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich, weil diese Alternativlos-Folge eher mit Blick auf das Leistungsschutzrecht disktuiert wurde – ein klassisches Beispiel für die eher netzpolitisch orientierte politische Blogosphäre  in Deutschland.

Aber Mathias Döpfner wird in der selben Folge auch gefragt, wie denn die europäische(n) Krise(n) zu lösen sei(en), und antwortet (1h00:20 im Alternativlos-Podcast):

“Ich muss sagen, dass, bei dieser so großen Schicksalsfrage, hab ich ‘ne gewisse demütige Sprachlosigkeit. Ich hab dafür keine Antwort. Ich hab kein Rezept. Ich find’s wahnsinnig kompliziert; ich beneide keinen Politiker, der die Verantwortung hat, in so ‘ner schicksalshaften Frage jetzt wirklich Entscheidungen zu treffen. Ich weiß, dass Entscheidungen getroffen werden müssen, weil Unentschiedenheit, Unklarheit, ist sozusagen die schlechteste aller Optionen”

Der eher polit-ökonomisch dominierten Diskussion im Podcast stellt der Blogpost von Hans Ulrich Gumbrecht eine kulturell-ökonomische Perspektive entgegen, die schon mit einem bemerkenswert schönen Eingangssatz beginnt:

Zerbrechlich ist Europa schon immer gewesen, das war – auch schon immer – eine notwendige Bedingung seiner Stärke.

Später, in einem längeren Textzitat von Klaus Birnstiel, Wissenschaftler an der Universität Basel, dessen Schilderungen aus Lissabon und Berlin der eigentlich Kern des Artikels sind, heißt es dann:

“[D]ie nicht enden wollende Krise des Euro, langsam schlägt sie um in eine fatalistische Stimmung von Abbau und Ausverkauf, von Zukunftslosigkeit und ratlosem Weiter-so, und die sommerliche Fröhlichkeit der großen Städte, für Momente kommt sie einem vor wie ein in eine endlose Sekunde gedehnter Totentanz der alten Welt.”

Ich teile diese Beobachtung, diese Mischung aus europäischem Leben mit der Krise und gleichzeitig gegen die Krise. Dieser Fatalismus, der so tut, als ob es kein Morgen gäbe und der gepaart ist mit der Überzeugtheit, dass es auf jeden Fall ein Morgen geben muss, ist auf seine wunderbar melancholische Weise wahrscheinlich europäischer, als das manche/r wahrhaben mag.

Wie die Gewitter, die dieser Tage mit guter Regelmäßigkeit über Berlin ziehen, ziehen die Krisennachrichten über uns. Man hofft, dass man nicht vom Blitz getroffen wird. Man hofft, dass, nur weil es an einigen Stellen stark regnet, nicht gleich alle überschwemmt werden. Man hofft auf die Feuerwehr, die die Brände schon löschen, die vollgelaufenen Keller schon leerpumpen und die Verletzten schon rechtzeitig ins Krankenhaus bringen wird. Man hofft, dass der richtig große Sturm ausbleibt, auch wenn das ein oder andere Bauwerk weggeweht werden wird.

Man schaut in den Himmel über Europa, und weil doch die Sonne immer wieder lacht, trotz der Gewitter, weil das Leben weitergeht, in den Bars und den Konferenzsälen, meint man, dass schon alles irgendwie gut wird. Und weil die Antworten auf die Frage, wie es denn nun genau weitergehe, unbefriedigend bleiben, rettet man sich in ebenso wahre wie kulturell abstrakte Beobachtungen, wie sie Klaus Birnstiel anstellt:

“Die historische Stärke Europas, auch darüber sprachen wir in Berlin, sie ist kein „Verdienst” und keine „Leistung”, doch sie mag auch in der Tatsache begründet liegen, dass dieser Erdteil, aus welchen „Gründen” auch immer, erfolgreich wie kein Zweiter war darin, auf engstem Raum eine maximale kulturelle Differenz zu erzeugen und zu kultivieren: die Vielfalt der Sprachen, der Literaturen, der Lebensweisen und Erfahrungen kennzeichnet Europa und bestimmt sein Erbe.”

Vielleicht ist das ja alles gar keine Krise, vielleicht sind Euro-Skepsis, Euro-Apathie, Euro-Enthusiasmus, Euro-Realismus – was immer damit jeweils gemeint sein soll – einfach nur Ausdruck dieses Europa-Seins, das neben Sprachenvielfalt hin und wieder auch Sprachlosigkeit, neben riesige Differenzen auch viel Einigendes und neben riesige abstrakte Geldsummen trotzdem kleine konrete Werte des Alltags stellt.

Letztendlich ist es aber unglaublich schwer, die aktuelle Lage Europas in Worte zu fassen. Am besten man redet nicht so viel darüber, am besten man lebt einfach so, unter dem Himmel über Europa, selbst, wenn das intellektuell unbefriedigend ist. Und nach dem nächsten Gewitter scheint schon wieder die Sonne.



2 Responses to Der Himmel über Europa

  1. avatar Julien-223 says:

    Aber verschiedene Sprachen zu benutzen macht es einfacher, diese Lage zu fassen!

  2. Pingback: Europa, Jürgen Trittin und ich – Eine (Selbst)Kritik | Polscieu

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