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Europa, Jürgen Trittin und ich – Eine (Selbst)Kritik

Ich hab letzte Woche, moderiert durch Cherno Jobatey, mit Jürgen Trittin über Europa diskutiert.

Die leider zusammengeschnittene Fassung unsere ca. 45-minütigen Diskussion ist jetzt auf Youtube nachsehbar.

YouTube Preview Image

Ich bin mir bis heute nicht ganz klar, ob das letztendlich sinnvoll war, und was ich damit meine habe ich auch schon aufgeschrieben. Aber vielleicht doch noch ein paar Gedanken dazu.

In der 45-Minuten-Live-Fassung hätte man sehen können, dass Jürgen Trittin ein deutlich größeren Redeanteil hatte, weil er auf Triggerfragen zu Europa und zur Krise natürlich sein Repertoire an Textbausteinen runterspulen konnte, ein Repertoire das mir als Talkshow-Novizen fehlt. Wenn man nach Trittin und Europa im Web oder auf Youtube googelt, findet man das meiste von dem was er gesagt hat, so oder so ähnlich auch schnell wieder. Das, was ich gesagt habe, hatte dem aus meiner Live Wahrnehmung und auch jetzt beim Nachschauen nicht viel hinzuzufügen.

Ich selbst fand es insgesamt eher schwierig, meinen Faden zu finden oder mich in Trittins Redeschwälle einzuklinken, ohne eine Pseudo-Diskussion anzustoßen.

Nicht aus falschem Respekt vor Jürgen Trittin, das hat mir jetzt kein sonderlichen Sorgen bereitet, sondern weil ich an Vielem, was er gesagt hat, nichts sonderlich Kontroverses fand. Und da, wo ich das fand, hätte ich es aus dem Redeschwall von Trittin herauspicken müssen und es besser in einem Blogpost wiederlegt als in einem kurzen, knackingen Einwand.

Zudem sind alle Fragen zur Eurokrise eher kompliziert und und die Antworten eher schwamming – und das hatte ich Cherno Jobatey im Vorgespräch auch gesagt.

Je mehr ich über die Politikoptionen und politischen Diskussionen der letzten Jahre lese, je mehr ich Pressekonferenzen von Eurozonen- und sonstigen Gipfeln geschaut habe, mit den müden Junckers, Barrosos, Lagardes, Rehns und wie sie alle heißen, desto weniger sicher bin ich mir selbst geworden, was denn nun die beste Lösung ist.

Ich hab das dann in der Diskussion mit der eher unglücklichen spontanen Formulierung beschrieben, dass ich die Diskussionen “mit Amusement” beobachten würde.

Was ich damit meinte, ist, dass ich die zwischen maximaler finanztechnischer Abstraktion und Populismus pendelnden Debatten der letzten Jahre am ehesten ertragen konnte, wenn ich die ungewollte und tragische Komik bestimmter Momente dieser politisch und ökonomisch verfahrenen Lage betrachten konnte. Wer Pressekonferenz nach Euro-Gipfeln live und nicht nur in der 15-Sekunden Fernsehnachrichten-Fassung oder der 5-Worte-Zeitungsschlagzeile gesehen hat, weiß vielleicht, was ich meine.

Den Punkt, den ich gerne gemacht hätte, ist, dass das Europa der Krisengipfel, der politischen Zuspitzung und der häufig national dominierten Medienpolemik mit dem alltäglichen Europa auseinanderklafft.

Insbesondere da, wo früher Grenzen waren oder wo Menschen von A nach B umziehen, zusammenleben, zusammen studieren, zusammen lachen, funktionert Europa durchaus, macht man sich gar keine Gedanken, was eigentlich alles europäischer Alltag ist, weil Europa die letzten 50 Jahre mehr und mehr zusammengewachsen ist. Nur wird über diese Erfahrungen zu oft politischer und medialer Populismus gelegt, wo am Ende das Stereotyp die einfachste Lösung ist, auf die sich alle einigen können, weil die Wirklichkeit zu komplex ist.

Dann wären wir vielleicht zu dem Punkt gekommen zu fragen, warum die Nationalstaaten und die lokalen Verwaltungen es eigentlich immer noch so schwer machen, innerhalb der Union umzuziehen. Wir hätten vielleicht fragen können, warum die Rot-Grüne Regierung von Trittin die Arbeitnehmerfreizügigkeit insbesondere für Osteuropäer für fast ein Jahrzehnt eingeschränkt hat. Oder so. Oder anders.

Eine Freundin meinte am nächsten Tag, die meiste Zeit sei die Diskussion eher langweilig gewesen. Meinen Hauptpunkt hätte ich machen können, als es um Transparenz ging.

Wer dieses Blog kennt wird das jetzt nicht völlig überraschend finden. Im zusammengeschnittenen Video bleibt davon nicht mehr viel übrig, dafür merkt man aber nicht so sehr, wie Trittin die Redezeit dominiert hat und wie ich selbst bei manchen Fragen nach sinnvollen Antworten suche, obwohl ich sie selbst noch nicht kenne und vielleicht auch nie kennen werde. Ausgleichende Gerechtigkeit vermutlich.

Insgesamt glaube ich nicht, dass das UdL-Format mit dieser Folge und einigen anderen, die ich gesehen habe, seinem Anspruch gerecht wird, ein neues Publikum zu erreichen, dass sich nur online informiert.

Das Format ist am Ende doch nur Fernsehen-light, im Prinzip gibt’s solche Inhalte  auch in den Mediatheken der ARD und des ZDF. Die Fragen, auch wenn Cherno Jobatey sie angenehm locker vorträgt, haben meines Erachtens doch nur Dinge beleuchtet, die sich die “Internetgeneration”, die man erreichen möchte, durch ein bisschen googeln schneller selbst zusammensuchen kann, als das Video dauert.

Die Atmosphäre war nett, das Team von Cherno Jobatey war freundlich, aber die Diskussion hat jetzt die Debatte um Europa nicht wirklich vorangebracht.

Ob der Zusammenschnitt auf 15 Minuten das Ganze besser macht, möchte ich mal bezweifeln. Und dass auf Youtube die Kommentare ausgeschaltet sind, zeigt, dass die Macher die “Internetgeneration” am Ende doch nicht verstanden haben.

Es geht wohl doch eher um Senden als um Zuhören, und das ist ziemlich 20. Jahrhundert. Und nur, weil man ein bisschen Facebook macht und ein 15-Minuten Video ins Internet stellt, erreicht man kein neues Publikum. Und nur, weil man einen Blogger auf einen bekannten Politiker loslässt (oder umgekehrt in diesem Fall), ergeben sich noch keine neuen, intelligenteren Diskussion. Dazu braucht man vielleicht auch neue Blickwinkel, neue Formate, neue Fragen.

Insgesamt würde ich sagen, dass ich eher der Falsche für so ein Format bin. Oder vielleicht wäre es besser gewesen, mit einem CSUler zu diskutieren und nicht mit Trittin. Aber das ist Spekulation, und am Ende ist es am besten, dazu nicht so viel zu sagen. Oder vielleicht ein ander Mal. Vielleicht in einem anderen Format.

Anmerkung: Die Veranstaltung UdL-Digital wird von E-Plus gesponsort, es gab aber kein Geld dafür.



2 Responses to Europa, Jürgen Trittin und ich – Eine (Selbst)Kritik

  1. Pingback: Europa des Lebens vs. Europa der Politik? UdL Digital Talk mit Jürgen Trittin und Ronny Patz | UdL-Digital

  2. Pingback: UdL Digital Talks: Gekaufte Youtube-Klicks | Polscieu

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