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2019 in Political Science (3) – Gleichstellung und Konflikte

Ich bin jetzt seit gut vier Jahren stellvertretende Frauenbeauftragte der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der LMU München. In Bayern nennt sich diese Funktion, nach dem Gesetz, immer noch so – “Frauenbeauftragte”. In anderen Bundesländern heißt es meist “Gleichstellungsbeauftragte(r)”. Aber die Bezeichnung ist mir nicht so wichtig. Wichtig ist, dass sich etwas tut. Und das geht häufig nicht ohne Konflikte.

Privat bin ich eigentlich ziemlich konfliktscheu. Aber irgendwie habe ich mich schon immer in Rollen begeben, in denen ich dann doch Konflikte austrage, ob als Aktivist bei Transparency International in Brüssel oder als Frauenbeauftragte in München. Meist ging und geht es dabei um Themen, die mir irgendwie wichtig sind. Aber manchmal vertritt man in diesen Rollen auch bestehende Konflikte, von den man vorher noch gar nicht wusste, dass sie einem wichtig sind.

Weil inhaltliche Konflikte auch immer mit Konflikte mit anderen Menschen bedeuten, und ich eigentlich solche Konflikte nicht mag, ist mir in den konkreten Konfliktsituationen häufig unwohl, gerade auch als Frauenbeauftragte. Aber mit der Zeit hab ich mich daran gewöhnt. Vor allem, weil ich gelernt habe, dass sich nur durch Konflikte letztendlich etwas tut.

Und in einer Woche wie dieser, in der Medien, Parteien und gesellschaftliche Gruppen 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland feiern und in der die CSU bei ihrem Parteitag hier in München hofft, mit Markus Söder weiblicher zu werden, sehe ich gerade auch an meiner Universität wieder, wie viele Konflikte eigentlich noch auszutragen sind.

Als Ko-Frauenbeauftragte an meinem politikwissenschaftlichen Institut und als eine der Stellvertreterinnen der Fakultätsfrauenbeauftragten (seit Herbst ist Professor Stephan Lessenich Frauenbeauftragte) muss immer wieder Konflikte suchen. Zum Teil kommen sie aber auch einfach auf mich zu. Das passiert dann, wenn Kolleginnen Probleme haben, bei den sie Rat oder Unterstützung brauchen, oder wenn Entscheidungen getroffen werden, die mit Gleichstellung zu tun haben oder zumindest Gleichstellungs-Baustellen aufmachen.

Die Liste der Gleichstellungs-Baustellen an der LMU München – wie auch an anderen Unis – und somit auch die Liste der möglichen Konflikte ist lang.

Das offensichtliche zuerst: Männliche* Professoren und männliche, promovierte Mitarbeiter sind noch immer, insgesamt und an fast allen Fakultäten, die Mehrheit. Die Leitungsebenen von Universität und Fakultäten sind von Männern dominiert. Und auch inhaltlich und organisatorisch gibt es viel zu tun, um Gleichstellung zu erreichen.

Ich hab das hier auf dem Blog Ende 2015 schon mal etwas polemisch thematisiert, aber seitdem hat sich kaum etwas verändert, soweit ich das überblicken kann.

In meiner Funktion als Frauenbeauftrage sind Gleichstellungsthemen, neben meiner wissenschaftlichen Forschung und Lehre, mein ganz normaler Arbeitsalltag.

Freitag diese Woche saß ich zum Beispiel als Frauenbeauftragte in einer Berufungskommission. Auch da ging es wieder einmal um die Frage, ob und mit welchem Nachdruck Frauen für eine Professur berufen werden sollen. Mal schauen, ob das gelingt.

Am Mittwoch saß ich vertretungsweise in der zentralen Sitzung unseres Instituts, die 2-3 Mal im Semester stattfindet. Auch dort waren mindestens zu zwei Tagesordnungspunkten Personal- und Verfahrensfragen zu diskutieren, die direkt oder indirekt mit Gleichstellung und damit mit der Frauenbeauftragten zu tun haben.

Solche Sitzungen, wo die Frauenbeauftragte qua Amt immer auch Mitspracherecht hat, gehen selten ohne Konflikte ab.

Manchmal sind die Konflikte eher unterschwellig und verstecken sich hinter gezielten aber freundlichen Spitzen. Manchmal treten Konflikte öffentlich in der Sitzung auf. Manchmal treten sie nur bi- oder trilateral, im Vor- oder Nachgang, zu Tage, denn Sitzungszeit ist knapp.

Manche Konflikte sind fast schon ritualisiert – die Frauenbeauftragte fragt oder kritisiert, und die Angesprochenen erklären, dass entweder alles nicht so schlimm sei (was es natürlich trotzdem ist), sie werfen Nebelkerzen (was manchmal ausreicht, um die Mehrheit der Sitzungsteilnehmer abzulenken), oder sie versprechen Besserung für die Zukunft (was dann manchmal nicht passiert).

Nicht jeder Konflikt ist gleich auch problematisch, und manchmal ändert sich sogar auch was. In 2018 ist man als Frauenbeauftragte auch selten in der “eine*r gegen alle” Position, sondern hat in wechselnder Konstellation Unterstützung von Profs, vom Mittelbau, von den Studierenden, von der Verwaltung.

 

Aber manche Konflikte, die wir als Frauenbeauftragte austragen, themenbezogen oder konkret im Auftrag von Betroffenen, tun auch richtig weh. Manches ist subtil. Manches ist lösbar. Aber manches ist schwer aufzulösen, weil die individuelle und kollektive Machtfülle der Professoren groß und die formalen Kompetenzen der Frauenbeauftragten klein sind.

Hin und wieder frage ich mich dann, ob sich die Konflikte lohnen, sowohl die ritualisierten oder auch die an der emotionalen Schmerzgrenze. Aber jedes Mal, wenn ich mir diese Frage stelle, ist mir auch klar, wie absurd sie ist.

Die emotionale und berufliche Belastung von Konflikten und der zeitlichen Aufwand, an Veränderung zu arbeiten, sind natürlich nicht klein.

Aber wenn ich (als Mann, als Mensch) diesen Konflikten aus dem Weg gehe, ist die einfache Konsequenz, dass letztendlich meine Kolleginnen (und betroffene Kollegen) alle diese Konflikte selbst austragen müssen. Anders gesagt, jede*r von uns die/der nicht bereit ist, solche Konflikte auch anzunehmen, obwohl sie/er die Möglichkeit dazu hätte, lädt einfach nur die Verantwortung auf auf andere ab, auf sichtbar Betroffene und unsichtbar Benachteiligte.

Aber auch nicht alles, was wir im Alltag tun können, um Gleichstellung zu erreichen, ist mit Konflikten verbunden. Manches ist einfach Mehrarbeit oder bewussteres Einbeziehen von Geschlechterfragen, zum Beispiel in Forschung und Lehre.

Wer in den letzten Jahren insbesondere internationale Diskussionen auf Twitter verfolgt, sieht regelmäßig Kolleginnen (und auch manchen Kollegen), die versuchen, mehr Frauen auf die Lektürelisten ihre Kurse zu bringen. Immer mehr Studien zu diesen Themen werden auch in den Fachzeitschriften veröffentlicht.

Viele Pflichttexte sind bei uns und an vielen anderen Orten auch in 2018 immer noch von männlichen Autoren dominiert, selbst da, wo es genügend Forschung von und mit Frauen gäbe. Da muss sich dringend etwas tun. Es braucht halt etwas extra Recherche-Aufwand, um interessante neue Forschung von Kolleginnen zu finden, aber dann kann man ganz einfach eine Reihe bisheriger Standardtext aus den Lektürelisten ersetzen.

Inhaltliche Veränderungen in der Lehre sind also nötig, um sowohl das inhaltliche Curriculum auf Gleichstellungsfragen zu erweitern wie auch um die Forschung von Kolleginnen bei Studierenden sichtbarer zu machen.

Das ist auch mit etwas Aufwand möglich. Ich lehre dieses Semester zum Beispiel ein Begleitseminar zur Vorlesung zum politischen System der Bundesrepublik Deutschland. Der Kurs ist für Erstsemester, also Menschen, die, wenn sie in Deutschland groß geworden sind, ihr ganzes bewusstes Leben lang Merkel als Kanzlerin vor sich haben. Die erste Kanzlerin der BRD.

Meine Studierenden haben jetzt auch erlebt, wie zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine alleinige Parteivorsitzende einer Regierungspartei (also: Merkel) ihr Amt an eine andere Frau (also AKK) übergeben konnte. Das ist historisch. In der TV-Dokumentation zu dem parteiinternen Wahlkampf hat z.B. die Vorsitzende der Frauen-Union angedeutet, dass sie auch ihre Netzwerke nutzen mussten, um AKK in Stellung zu bringen.

Es geht also bei Gleichstellung in der Politik immer auch um zentrale Fragen von Macht und Einfluss. Das sind Kategorien, mit denen sich die Politikwissenschaft im Kern befasst. Aber im Lehrprogramm sind Geschlechterfragen auch in 2018 trotzdem immer noch weitgehend unsichtbar.

Ich halte es aber für zentral, das zu thematisieren, zum Beispiel in einer Extra-Sitzung zu Genderaspekten des politischen Systems, wie ich sie diese Woche gehalten habe. Dafür gibt es natürlich Texte, aber in einem Standardlehrbuch – die meisten sind von männlichen Profs geschrieben – gibt es dafür bislang keinen Platz. Also muss man die Texte gesondert recherchieren.

Manche Kollegen und vielleicht auch manche Kolleginnen mögen diese Thematisierung als überflüssig ansehen. Das hat auch mit unserer Ausbildung als Politolog*innen zu tun.

Während meines eigenen Politikwissenschafts-Studium an der FU Berlin, wo ich durchaus die Möglichkeit zum Besuch von Seminaren mit Gender-Fokus gehabt hätte, fand ich die spezielle Befassung mit solchen Themen auch noch überflüssig. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass sich diese Themen vom Rest der Politikwissenschaft abgekoppelt hatten, und sah keine Verbindung zu dem, was mich sonst so interessierte. Und “Gender” klang immer so ideologisch.

Aber mein Berufsleben, meine Beobachtung von Alltagspolitik und nicht zuletzt Debatten wie #MeToo/#Aufschrei haben mir über die Zeit klar gemacht, dass diese Themen nicht nur Nebenschauplätze der Politikwissenschaft sein dürfen. Und dass das, was ich früher als Abkopplung wahrgenommen hatte, tatsächlich mindestens genauso viel auf Ausgrenzung und Ignoranz dieser Themen in den Mainstream-Bereichen beruht.

Es ist daher schon unsere Aufgabe als neue Generation von Politikwissenschaftler*innen darauf hinzuweisen, dass da was fehlt. Aber, darauf hinzuweisen, dass etwas fehlt oder dass etwas anders gemacht werden sollte, heißt auch immer, laut Kritik zu äußern. Und laute Kritik birgt immer Raum für Konflikte.

Diese Konflikte – und Gleichstellung von Frauen und Männer ist da ja nur einer von vielen (Stichwort: Intersektionalität) – sind aber auch da, wenn wir sie nicht laut austragen. Denn schwelen sie nur unter der Oberfläche. Und auch, wenn es emotional manchmal schwierig ist: Mein Arbeitsalltag ist halt, aus dem Schwelen von Zeit zu Zeit richtige Feuer zu machen. Damit man die dann auch ordentlich löschen kann. (Oder welche Metapher auch immer es am besten trifft.)

Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr häufiger über meinen politikwissenschaftlichen Arbeitsalltag und meine Forschung zu bloggen. Die Posts (englisch und deutsch) in dieser Reihe finden sich unter diesem Link.

 

 

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