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Replik auf “Das Ende der Geduld” (FAZ): Ein anderer Blick auf die ECPR-Konferenz und moderne Politikwissenschaft

Es ist 6 Uhr morgens in Boston. Ich bin seit über einer Stunde wach. Jetlag. Zeit, um eine Replik auf “Das Ende der Geduld” von Dr. Hannah Bethke – selbst Politikwissenschaftlerin – in der FAZ zu schreiben. Eine Replik mit Blick auf unser Fach und die Natur von wissenschaftlichen Großkonferenzen wie die ECPR.

Ich bin in Boston auf dem Jahrestreffen der American Political Science Association (APSA). Getagt wird, nicht wie bei der ECPR-Konferenz, die in dem Beitrag kritisiert wird, in Universitäten in ganz Europa, in den gleichen Räumen wo auch Studierende tagtäglich lernen und wo Kolleginnen und Kollegen normalerweise lehren. Getagt wird hier stattdessen in einem überdimensionierten Tagungszentrum zwischen zwei Konferenzhotels. Aber das weiß man, bevor man hierher kommt.

Ähnlich ist es mit der ECPR-Konferenz, wie sie gerade in Hamburg stattgefunden hat. Man weiß, was man bekommt, bevor man hinfährt, außer man fährt zum ersten Mal hin. Man kann trotzdem, wie Hannah Bethke, das Format und die Größe und den Rhythmus der Konferenz kritisieren. 10-Minuten-Vorträge zu spezifischen Forschungsthemen, zum Teil fünf an der Zahl, dazu eine Diskussion durch eine Fachkollegin, und dann noch ein kurzes Q&A, alles in knapp über 1 1/2 Stunden, sind eine Zumutung.

Sie sind aber auch eine Chance. Die Chance, nicht nur ein Duzend Kolleginnen und Kollegen zu treffen wie auf einem klassischen Workshop, versteckt in den kleinen Nischen unserer Forschungsfelder. Hier trifft sich das weitere Forschungsfeld und die Profession. Auf Empfängen lernt man neue Kolleg*innen kennen, oder trifft diejenigen, mit denen man an anderer Stelle mal gearbeitet hat und wo sich die Wege in den verwobenen akademischen Karrieren verlaufen haben.

Eine Großkonferenz ist dabei von ihrer Natur her auf den ersten Blick wie das Fastfood in der Shopping-Mall des Wissenschaftsbetriebs.

Genauso, wie ich manchmal einen vegetarischen Döner zu mir nehme, höre ich mir da auch gerne Vorträge in Forschungsfeldern an, in denen ich vielleicht nur lehre aber nicht forsche. Als Ideen-Happen für zwischendurch. Aber auch um mir über neue Methoden Gedanken zu machen, denn Innovation lebt davon, dass man über den eigenen Tellerrand guckt. Dann sind die Happen weniger Fastfood als die Gänge in einem Gourmet-Restaurant, wo ich auch nicht verstehe, wie der Koch das macht und ich trotzdem das Ergebnis mit einem Bissen genießen kann.

Aber die ECPR-Konferenz ist auch nicht das einzige Format, in dem wir Wissen austauschen. Allein bei der ECPR gibt es das Konzept der “Joint Sessions“, eine jährliche Multi-Workshop-Konferenz, in der man bis zu einer Stunde Zeit pro Forschungspapier hat. Dazu zig Spezialist*innen-Workshops. Aber selbst auch ohne diese Alternativen und ohne die Fastfood-Metapher ist der Blick von Bethke auf die ECPR zu eng.

Gleiches gilt für die Kritik, unser Fach wolle nur “quantitativ orientierte Sozial-, nicht ideengeschichtlich fundierte Geisteswissenschaft sein.”

In unserer Sektion “21st Century International Bureaucracy” mit acht Panels, die an zwei der drei Tagen der ECPR-Konferenz stattfanden, gab es quantitative Studien genauso wie ethnographische Forschung; es wird auf die Ideen von Max Weber genauso verwiesen wie auf Modelle, die hier in den USA als “formal theory” bezeichnet werden; es gab extrem kurze Vorträge von unbekannten Kolleg*innen, die nur kurz da waren, aber auch detaillierte Nachgespräche mit Kolleg*innen, mit denen man seit Jahren zusammenarbeitet, lose oder eng, in Deutschland, Europa und darüber hinaus.

Das ist keine “kalte Wissenschaft ohne Herz – und manchmal auch ohne Verstand” wie Bethke schreibt.

Es ist liebevolle Politikwissenschaft zwischen ehrlicher und konstruktiver Kritik, auf der Suche nach Lösungen für schwierige Forschungsfragen, mit Zeitknappheit ringend, aber das beste daraus machend. Wir schreiben uns nach der Konferenz Emails und bedanken uns für gute Kritik, machen Pläne für neue Forschung und freuen uns auf das Wiedersehen.

Das hat nichts mit Methoden zu tun, die warm oder kalt sind, es hat etwas mit einem modernen Wissenschaftsverständnis zu tun, wo die meisten von uns wissen, dass bei allem Wettbewerb wir nur arbeitsteilig Wissen sammeln können – da ist die Politikwissenschaft nicht anders als die Physik oder die Linguistik oder die Humanbiologie.

In unserer Sektion zu internationalen Verwaltungen – wie in vielen anderen Sektionen auch – zeigt sich dabei über alle Panels hinweg die Vielfalt der modernen Politikwissenschaft, die sich nicht in ein Korsett von “Quanti“ oder “Quali”, und in alte Debatten zwischen “Ideengeschichte ohne Methode” oder “ideenlosem Methodenfetischismus” drängen lässt.

Klar gibt es Grabenkämpfe und Wagenburgen, Begriffsstreitigkeiten und Methoden-Kleinklein. Einzelne Vorträge sind besser als andere. Manche sind innovativer, kreativer, eingängiger, andere sind es nicht.

Aber selbst hier, auf einer amerikanischen Großkonferenz, wo die quantitative Politikwissenschaft noch mehr Gewicht hat als in Europa, könnte ich vier Tage lang nur auf ideengeschichtliche oder stärker geisteswissenschaftlich orientierte Panels gehen und gibt es Panels, wo ein quantitativer Survey mit syrischen Flüchtlingen im Libanon genauso in 12 Minuten präsentiert wird wie handgezeichnete ethnographische Karten von Post-Konflikt-Gemeinden in Burundi.

Das einzige Lob für die ECPR-Konferenz in Hamburg, das Bethke einfällt, richtet sich ausgerechnet auf den Plenar-Vortrag von Rainer Forst. Forst stelle “im einzig langen Vortrag der Konferenz die alte Frage neu, wie die Politikwissenschaft die Kluft zwischen ihrem normativen und ihrem empirischen Selbstverständnis überwinden kann“.

In diesem Vortrag zitierte Forst über 45 Minuten nur tote weiße Männer aus Europa und Amerika, knapp 15 an der Zahl. Keine einzige Frau wurde erwähnt, keine Idee ausgeführt, die die vielfältigen Erkenntnisse und Perspektiven der modernen empirischen und normativen Politikwissenschaft aufnahm, deren Erkenntnisse es über Weber und Foucault hinaus geschafft haben. Kein signifikanter Verweis auf Ideen von außerhalb des Westens.

Wer sich nach Alte-Weiße-Männer-Ideengeschichte sehnt, ist aus meiner Sicht in der modernen Politikwissenschaft noch nicht angekommen.

Meine Politikwissenschaft ist vielfältiger, mit tollen Kolleg*innen, die zwischen intersektionalem Feminismus und quantitativen Großstudien zu Krieg und Gewalt gegen Frauen keine Barriere sehen. Ich sehe Kolleg*innen, die sich für ein halbes Jahr in eine eine internationale Organisation begeben, um den Zynismus der dortigen Mitarbeiter zu erleben, während andere Kolleg*innen mit statistischen Daten zu verstehen versuchen, wie postkoloniale Machtverschiebungen in den Vereinten Nationen passieren oder warum an mancher Stelle immer noch das Verhältnis von Globalem Süden und Globalem Norden aufrecht erhalten wird. Andernorts wird die (Ideen-)Geschichte populistischer Politik genauso analysiert wie der Wahlerfolg rechtspopulistischer Parteien.

Das heißt nicht, dass Politikwissenschaft in 2018 keine Probleme hat. Dass es nicht hunderte Baustellen gibt, an denen wir tagtäglich arbeiten sollten. Dass es keine Verteilungskonflikte oder keine seltsamen Moden oder keine schlechten Arbeiten gäbe.

Aber Politikwissenschaft ist eben auch nicht das, was man auf 1-2 Tagen ECPR-Konferenz bekommt, schon gar nicht, wenn man nicht sieht, dass ein 10-Minuten-Vortrag einer jungen, innovativen Kollegin – mit einem prekären Vertrag – mehr Gehalt und Veränderungspotenzial haben kann als 45 Minuten philosophisches Namedropping von einem Professor, der das Privileg des Plenarvortrags nicht für Veränderung sondern nur zur Reproduktion der bestehenden Verhältnisse nutzt.

Und noch eine letzte Anmerkung: Etwas kulturpessimistisch wird im Beitrag von Hannah Bethke der Blick auf das Smartphone oder den Laptop während der ECPR-Vorträge  kritisiert. Den Beitrag “Zum Ende der Geduld” habe ich auf Facebook gefunden, geteilt durch eine Kollegin aus München. Gelesen hab ich ihn während der Konferenz hier in Boston. Auch Wissenschaftskommunikation findet in 2018 nicht nur physisch im Raum sondern auch digital statt. Deswegen teile ich diesen Blogpost jetzt auch auf Twitter und hoffe auf viel Kritik. Oder Ignoranz.

Es ist jetzt 7:30 Uhr in Boston. Um 8 Uhr beginnt der zweite von vier Konferenztagen der APSA-Konferenz. Ich freue mich drauf. Genauso wie auf den DVPW-Kongress Ende September in Frankfurt.

NB: Die aktuelle Fassung ist im Vergleich zur ersten Version um einige Rechtschreib- und Grammatikfehler ärmer.

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